Aserbaidschanische Ornamentkunst

Was ist Buta?

Buta (butə, puta) – eine Knospe; ein mandelförmiges Ornamentmotiv. Eines der verbreitetsten Schmuckelemente der aserbaidschanischen Ornamentkunst.

I Kapitel

Buta in unserer bildenden Kunst

Buta (butə, puta) bedeutet Knospe: ein mandelförmiges Ornamentmotiv und eines der verbreitetsten Schmuckelemente der aserbaidschanischen Ornamentkunst. Man nimmt an, dass das Buta eine Schmuckform ist, die bis in die Zeit des Zoroastrismus (der Feueranbetung) zurückreicht. Es fand breite Verwendung in den Teppichen von Baku, Gandscha, Ardabil, Täbris, Nachitschewan, Salyan und Mughan, in der Innenausstattung von Gebäuden und in anderen Kunstwerken. Auch im Kunsthandwerk Zentralasiens und des Nahen Ostens ist das Buta weit verbreitet: in den Termeh-Schals Indiens, in iranischen Stoffen und Metallarbeiten und anderswo.

Teppichschulen, in denen das Buta weit verbreitet ist
BakuGandschaArdabilTäbrisNachitschewanSalyanMughan

Nach ihrer Form werden Butas in vier Gruppen eingeteilt

01

Butas in der Teppichornamentik

Muğan-butaMughanSalyan-butaSalyanXilə-butaChilaBakı-butaBakuSarabi-butaSarabGəncə-butaGandschaŞirvan-butaSchirwan
02

Butas, die das Familienleben darstellen

bala-buta Kindhəmli-buta schwangerbalalı-buta mit Jungenevli-buta verheiratetqoşaarvadlı-buta zwei Frauenu. a.
03

Butas mit symbolischer Bedeutung

cıqqa-buta Federbuschlələk-buta Federküsülü-buta verfeindetqovuşan-buta vereintyazılı-buta beschriftetu. a.
04

Butas verschiedener Formen

saya-buta schlichtəyri-buta gekrümmtdilikli-buta gezacktqıvrım-buta gelocktşabalıd-buta Kastaniezərxara-buta Brokatbadamı-buta mandelförmigqotazlı-buta mit Quastençiçəkli-buta geblümtyanar-buta flammendu. a.

Im Laufe der Zeit wurden die Butas mit symbolischer Bedeutung nach und nach um Motive verschiedenen Inhalts und verschiedener Form bereichert.

Im erklärenden Wörterbuch
buta Subst.
  1. Knospe.
  2. Kleines mandelförmiges Muster auf Stoffen; kleines Blumenmotiv.
  3. (pers. – butə) Schmelztiegel aus feuerfestem Material (Ton) zum Schmelzen von Gold und Silber.
Erklärendes Wörterbuch der aserbaidschanischen Sprache. Baku, 1966, S. 331

Als Ausdruck der nationalen Eigenart des aserbaidschanischen Volkes ging das Buta als Begriff und Symbol, das die mythologische Weltsicht der Turkvölker ausdrückt, in die mündliche und schriftliche Literatur und in die Kunst ein.

II Kapitel

Buta in unserer Folklore

Das Buta ist ein wichtiges Element nicht nur unserer bildenden Kunst, sondern auch unserer Folklore und mündlichen Literatur. In ihrem Buch „Legenden aus Nachitschewan“ äußert die Forscherin Mahsati Ismayil interessante Gedanken über den Platz des Buta in unserer Folklore:

Mahsati Ismayil · „Legenden aus Nachitschewan“ (Naxçıvan əfsanələri) · Baku: Elm, 2008

In der Folklore trägt das Buta die kosmogonische Weltsicht unserer fernen Vorfahren in sich. Im Bewusstsein der alten Menschen galten Wasser, Pflanzen, Berge und andere Wesen als heilig und als Urquell des Lebens. In diesem Sinne ist das Buta ein Symbol für den Fortbestand des Geschlechts und für das Wachsen. In den aserbaidschanischen Dastanen wirkt das Buta als imaginäres Band zwischen dem Liebenden und der Geliebten. In den Liebesdastanen schenkt es dem auserwählten Helden als Zeichen einer beispiellosen, erhabenen und göttlichen Liebe auch die Gabe der Aschug-Kunst (des Volkssängers) und die dichterische Begabung. In unseren Dastanen und Märchen beginnt das „Schenken des Buta“ damit, dass ein weiser Alter, Chidr, dem Liebenden einen Liebestrank zu trinken gibt. Zwei junge Menschen, die einander nie gesehen haben, trinken getrennt, im Traum oder in einer Vision, den ihnen gereichten Trank: Das Mädchen erblickt für einen Augenblick den Jüngling, der Jüngling das Mädchen, und beide verfallen einer außergewöhnlichen Liebe. Insgesamt zeigt die Untersuchung der Folklore, dass das Buta nicht jedem gegeben wird. Das Schenken des Buta ist allein den Auserwählten vorbehalten. Durch das Buta erlangen die Auserwählten auch eine Reihe besonderer Eigenschaften, die sonst niemand besitzt. Die langen und schweren Prüfungen des Liebenden enden schließlich in der göttlichen Vereinigung der Liebenden. Das Buta ist das Mittel, durch das sich die Gesetze der Welt in einer anderen, höheren Form erfüllen. Wenn in den Liebesdastanen mythische Gestalten (ein Derwisch, ein weiser Alter, ein Pir und andere) dem Jüngling das Mädchen für einen Augenblick zeigen oder ihm bisweilen den Liebestrank reichen, sagt man: „Er hat das Buta erhalten“ oder „Ihm wurde das Buta gegeben“.

In vielen Texten der aserbaidschanischen Folklore gibt es auch Handlungsstränge, die mit Träumen verbunden sind und in denen das Buta nicht genannt wird. Einem Traum zu folgen, die Geliebte im Traum zu sehen, die eigene Zukunft im Traum zu sehen und ähnliche Ereignisse sollten unserer Ansicht nach parallel zum „Schenken des Buta“ gedeutet werden. Das Buta, das dem Liebenden in den Liebesdastanen geschenkt wird, der Liebestrank, den man ihn aus vollem Becher trinken lässt, und der Märchenheld, der seinem Traum folgt und sein Glück findet: All das fließt im abstrakten Begriff des Buta zusammen. Das Schenken des Buta ist also allgemein und abstrakt. Gerade diese Abstraktheit hat das Buta zum Träger nationaler Identität gemacht. Da das Buta im Traum gegeben und empfangen wird, bilden Traum und Buta eine Einheit. Kamil Valiyev wies auf die große Bedeutung hin, die die Türken dem Traum beimaßen, und nannte den Traum und seine Deutung ein Zeichen der verborgenen Welt, die sich in den Tiefen des menschlichen Geistes abspielt, und den ersten Mythos der Menschheit.

Auch Aufbau und Grundlage der aserbaidschanischen Liebesdastane beruhen auf dem Buta. Der verwickelte Verlauf der Ereignisse, die sich auf dieser Grundlage entfalten, und ihr Ziel werden erst am Ende klar. Der Weg der Liebe, der mit dem Buta beginnt, führt durch Entbehrung und Leid. Äußerlich wirkt es einfach und alltäglich, das Buta zu empfangen oder es geschenkt zu bekommen.

Das Buta wird nicht jedem gegeben. Es wird nur den Auserwählten gegeben.

Das „Schenken des Buta“ in den Dastanen

„Aschug Gharib“

Rasul schlief und sah im Traum in der Stadt Tiflis einen Garten wie das Paradies und darüber ein Mädchen, schön wie eine Gazelle... Neben dem Mädchen stand ein Derwisch. Er reichte Rasul die Hand des Mädchens und sprach: „Rasul, dieses Mädchen ist Schahsenem, die Tochter des Chadscha Sanan aus Tiflis. Ich gebe sie dir als dein Buta. Bald werdet ihr einander finden“, und entfernte sich.

„Gurbani“

Gurbanis Augen waren geschlossen, doch sein Herz war offen. In seinem Traum erschien ihm Peri Chanum, die Tochter Ziyad Chans aus der Stadt Gandscha. Man legte Peri Chanums Hand in Gurbanis Hand und machte sie einander zum Buta.

„Abbas und Gülgas“

Als man Abbas nicht wecken konnte, sagten die einen, er sei ohnmächtig, die anderen, er sei tot. Eine alte Frau fühlte seinen Puls und sagte: „Ihm fehlt nichts, er ist in den Schlaf der Liebe gesunken. In diesem Augenblick wird ihm Peri Chanum, die Schwester Batman Gilindsch Mahammad Begs aus Täbris, als Buta gegeben.“

„Gul Mahmud“

Als Mahmud und sein Bruder Gambar am Heiligtum Eynal Yagut schliefen, reichte Eynal Yagut in der Nacht Mahmud einen Becher Wein. Mahmud trank und gab Gambar, was am Boden des Bechers übrig blieb, und so wurden beide zu Dichtern; Mahmud aber wurde Nigar Chanum, die Tochter Dschafar Paschas aus der Stadt Misir (Ägypten), als Buta gegeben.

Als Kern der Komposition der Liebesdastane spielt das Buta in der Dastan-Kunst eine wichtige Rolle. Wie wir sehen, sind Buta und Traum in den Liebesdastanen einander ergänzende Schlüsselelemente. Der Trank, der Becher, der die Flamme der Liebe entfacht, ist ebenfalls eines der wesentlichen Elemente des Buta. Nach den Liebesdastanen zeichnet sich der Liebende, der das Buta erhalten hat, auch durch Tapferkeit und Ehrlichkeit aus.

Die aserbaidschanische SazDie Kunst der aserbaidschanischen Aschugen wurde 2009 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Aus dem Dastan „Gurbani“

Der Junge mag irren, der Alte vergeben,
wer Wort hält, der ist ein Held im Leben,
der Kön’ge König hat mir Buta gegeben:
mein Ziel: um Peri bin ich gekommen.

Kiçiklərdən xəta, böyükdən əta,
Mərd iyid odu ki, dediyin tuta,
Şahlar şahı mənə veribdi buta,
Mətləbimdi, Pəri üçün gəlmişəm.

III Kapitel

Zum Ursprung des Buta

Die Wurzeln des Buta auf aserbaidschanischem Boden reichen weit in die Vergangenheit zurück. In der Siedlung Ovçular Tepesi im Bezirk Scharur (Nachitschewan) wurden mehrere Tongefäße mit Buta-Muster gefunden, in der Siedlung Chalatsch ein Keramikfragment mit einem Buta.3 Die Forschung datiert diese Funde in das späte Chalkolithikum; die Schichten von Ovçular Tepesi aus dieser Zeit werden in das 5. Jahrtausend v. Chr. datiert.4 Auf den Gefäßen wiederholt sich das Buta-Muster dreimal symmetrisch rund um den Gefäßkörper. Nach Angaben des Staatlichen Geschichtsmuseums Nachitschewan tragen diese Gefäße die ältesten bekannten Darstellungen des Buta.3

Die Encyclopaedia Britannica bezeichnet das Buta als Element der indisch-mogulischen Kunst. Tatsächlich geht es hier um den türkischen Staat der Baburiden, den Babur Schah, ein Nachfahre Timurs (Tamerlans), 1526 in Indien gründete und der bis 1858 bestand. Das Buta wurde von den Baburiden nach Indien gebracht. Leider schreiben heute viele Quellen das Buta, ein Motiv turkstämmigen Ursprungs, Indien zu.

Auch das Taj Mahal, heute als Wunder Indiens bekannt, ist ein Beispiel türkischer Architektur und Kunst. Am Bau dieses Mausoleums, das der fünfte baburidische Herrscher Schah Jahan dem Andenken seiner verstorbenen Frau Mumtaz Mahal widmete, wirkten Handwerker aus verschiedenen Turkländern, darunter Aserbaidschan, aktiv mit.

Mitte des 19. Jahrhunderts gelangten Waren mit Buta-Muster aus Indien in die schottische Stadt Paisley und verbreiteten sich von dort aus in der ganzen Welt. Deshalb ist das Buta im Westen heute als „Paisley“ bekannt. Im Deutschen spricht man auch vom „Kaschmirmuster“.

5. Jahrtausend v. Chr.Nachitschewan: die ältesten bekannten Tongefäße mit Buta-Muster
1526–1858Der Staat der Baburiden: Das Buta kommt nach Indien
Mitte des 19. JahrhundertsWaren mit Buta-Muster gelangen nach Paisley, Schottland
IV Kapitel

Buta im UNESCO-Erbe

Die beiden wichtigsten Träger des Buta, der Teppich und das Kelaghayi (Seidenkopftuch), gehören heute zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Beide stehen auf der Repräsentativen Liste der UNESCO.

UNESCO · Immaterielles Kulturerbe 2010

Die traditionelle Kunst der aserbaidschanischen Teppichweberei

Aufgenommen auf der 5. Tagung des Zwischenstaatlichen Komitees der UNESCO. Die Teppiche werden aus Woll-, Baumwoll- und Seidengarn gewebt, das mit Naturfarben gefärbt ist, auf senkrechten und waagerechten Webstühlen. Das Handwerk wird innerhalb der Familie mündlich und durch Übung weitergegeben. Im Teppich ist das Buta auch am weitesten verbreitet.

UNESCO · Immaterielles Kulturerbe 2014

Kelaghayi: traditionelle Kunst und Symbolik

Aufgenommen im November 2014 auf der 9. Tagung. Die Seide wird in Scheki hergestellt, das Kelaghayi selbst im Dorf Basqal im Bezirk Ismayilli. Die Muster werden mit Holzstempeln und Naturfarben aufgedruckt. Ein einziges Kelaghayi braucht zwei Tage und die Hände von vier Meistern:

WeberFärberStempelschnitzerOrnamentmeister

Im Mittelalter diente das auf ein Kelaghayi gestempelte Buta-Zeichen als Siegel seines Herstellers: Der Meister tauchte seine rechte Faust in Farbe und drückte sie auf die Seide, und an diesem Abdruck erkannte man, wessen Werk das Kelaghayi war. Mit der Zeit verfeinerte sich der Abdruck zum Buta-Muster.7

V Kapitel

Die Weltreise des Buta

Auf seiner Reise um die Welt erhielt das Buta neue Namen. Heute kennt es im Westen jeder, nur unter einem anderen Namen.

butaAserbaidschanischKnospe
botehPersischStrauch, Busch
buta · buKaschmirStrauch, Busch
paisleyEnglischnach der Stadt Paisley
18. Jahrhundert

Kaschmirschals

Kaschmirschals mit dem Buta in seiner heute vertrauten Form waren bereits weit verbreitet.

18.–19. Jahrhundert

Der Weg nach Europa

Die Britische Ostindien-Kompanie brachte die Schals nach England und Schottland, wo man begann, sie nachzuahmen.

1800–1850

Die Weber von Paisley

Die schottische Stadt Paisley wurde zum führenden Zentrum der Schals mit Buta-Muster, und der Westen lernte das Motiv unter ihrem Namen kennen.

1870er-Jahre

Der Höhepunkt der Mode

Durch den Fabrikdruck massenhaft hergestellt, erreichte das Muster seinen modischen Höhepunkt, der in den 1870er-Jahren zu Ende ging.

1960er-Jahre

Eine Wiedergeburt

Das Interesse an östlichen Stilen brachte das Buta zurück in die Mode. The Beatles, Queen und David Bowie trugen es, und es wurde zu einem Symbol des „Summer of Love“ 1967.

Neu · 2027

Das Paisley Museum öffnet wieder

Das Paisley Museum in Schottland ist seit 2018 geschlossen. Nach einer Neugestaltung für 68,7 Millionen Pfund soll es Anfang 2027 wiedereröffnen, mit neuen Ausstellungen, die auch die Geschichte des weltberühmten Paisley-Musters erzählen. Der Weg des Buta führt auch dorthin.

VI Kapitel

Buta heute

Das Buta gilt als eines der nationalen Symbole Aserbaidschans und lebt heute weiter: auf der Bühne, auf der Leinwand und am Himmel.

Festival · 2009–2015

Die Buta-Festivals in London

Das 2005 gegründete Buta Arts Centre veranstaltete in London zwei große Festivals aserbaidschanischer Kunst: das erste, 100 Tage lang, 2009–2010, das zweite 2014–2015.

Kino · 2011

Der Film „Buta“

In Ilgar Najafs Film webt eine Großmutter zum Andenken an die Mutter ihres Enkels einen Teppich mit Buta-Muster, einem Symbol der Liebe. Der Film war Aserbaidschans Beitrag für die 85. Oscarverleihung.

Luftfahrt · 2017–2023

Buta Airways

Die Billigtochter der nationalen Fluggesellschaft nahm 2017 den Flugbetrieb auf und ging im Oktober 2023 in der Marke AZAL auf. Ihr Name lebt im Tarif „Buta Budget“ von AZAL weiter.

Bühne · 2006

Buta Palace

Der 2006 eröffnete Buta Palace mit 2.000 Plätzen ist einer der wichtigsten Konzertsäle Bakus.

Das Buta ist ein Wert und eine Schönheit, die uns gehören. Es war stets die Krone unserer Kunst und unserer Literatur. Es trägt die Zärtlichkeit unserer Großmütter und die Spur unserer Geschichte in sich. Leider wissen nur wenige Menschen auf der Welt, dass diese Schönheit, dieses reizvolle Muster aserbaidschanisch-türkischen Ursprungs ist. Unsere Kultur zu bewahren und sie bestmöglich bekannt zu machen, ist unsere Bürgerpflicht!

Stehen wir zu unserem Buta!

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